Wollen Sie, dass wir alle die Schule abbrechen?

„Wollen Sie, dass wir jetzt alle sie HAS abbrechen?“, fragte die 1as, als ich den Besuch von Semih Morel ankündigte. Semih war HAS-Schüler. Bis er die HAS abgebrach. Dann hat er eine Lehre begonnen und abgebrochen. Er war aber schon weit genug und konnte sie mit einer Prüfung abschließen. Wurde jung Vater, hat bei seinem eigenen Vater in der Bar gearbeitet, hat neben Kind und Partnerin im 12 m2 Zimmer die Nächte damit verbracht mit online Kursen Grafiker zu werden. Zwei Jahre danach bekam er einen Job als solcher. Später machte er sich selbständig, entwickelte sich weiter und heute ist er Unternehmensberater mit Schwerpunkt auf Partizipation und Arbeitskultur. Seine persönliche Entwicklung beschrieb er in einem Buch, das er 2022 veröffentlichte. Während er die Schule nicht gut konnte und nicht gern machte, war das bei seinen ersten Jobs anders. Er war ein guter Lehrling, mochte aber seine Arbeit nicht. Er war ein guter Barkeeper, mochte aber seine Arbeit nicht. Er war ein guter Grafiker, verdiente viel Geld, mochte aber seine Arbeitsumgebung nicht. Nun ist er glücklich in seinem Job. Auch wenn die Schüler:innen gern gewusst hätten, wie viel Geld er verdient, hat er ihnen dieses Detail nicht verraten. Dass er nun – meistens – glücklich ist, das hat er gerne mit ihnen geteilt, weil ihm da wichtiger ist.

Warum lädt eine Lehrerin einen Schulabbrecher in die Schule ein. Eine Lehrerin, deren Schwerpunkt Projektunterricht und Berufsberatung ist? Der Weg von Semih ist abwechslungsreich und interessant. War nicht immer leicht. War aber sein Weg. Und das erzählt er mit Herz und in einer Sprache, die die Jugendlichen verstehen. Er spricht auch von den harten Zeiten, von den Zeiten, in denen das Aufstehen am Morgen, trotz wunderbarer Tochter und wunderbarer Partnerin sehr, sehr, sehr schwer war. Von den Zeiten, in denen er so viel Geld verdiente, wie er es sich nie erträumt hätte, und trotzdem nicht glücklich war. Von seinem Traum, ein Buch zu schreiben, den er umsetzte. Von seinem Traum, der beste Vater zu sein, an dem er noch arbeitet. Semih lässt und teilhaben an seiner Geschichte. Erzählt von Möglichkeiten und Weggabelungen, von Geld und Karriere und von der Tatsache, dass heute gut genug ist. So auch der Titel seines Buches: „Heute ist gut genug“. Aus dem Buch hat er den Schüler:innen vorgelesen und sie haben ihm lange zugehört. Dann haben sie gemeinsam erarbeitet, was sie lieben, was sie benötigen, wofür Menschen bezahlen und was sie können, um ihr ganz eigenes Ikigai zu erarbeiten. Ihren Lebenssinn. Die Lesung, der interaktive Workshop, die sehr persönliche Erzählung aus seinem Leben – das hat Semih in die Klasse gebracht und hat ein paar Denkanstöße hinterlassen. Deshalb hat diese Lehrerin einen Schulabbrecher in die Klasse eingeladen.

Auch in der 2as war Semih zu Besuch. Hier brachte er ebenfalls sein Buch mit und Geschichten daraus. Außerdem erzählte er der Klasse von Steve Jobs und dessen Erkenntnis von Reichtum und Leben auf seinem Sterbebett und von James Dyson, der 5126 Mal gescheitert ist, bevor er den Staubsauger erfunden hat. Und von anderen Menschen, von anderen reichen Menschen. Was haben sie auf ihrem Weg zum Reichtum gelernt? Hat sie Geld glücklich gemacht? Sind sie ihren Träumen gefolgt? Haben sie das erreicht, was sie wollten? Auch hier folgt ein interaktiver Workshop, der die Jugendlichen zum Nachdenken bringt. Über Träume und Wünsche und darüber, wie sie diese erreichen können.